Einige Kostproben meiner Texte dieses Lyrik- und Prosalesebuches Heimwärts ist wo ...

Die Schuldfrage als persönliche Feststellung

Wer ist Schuld an Kriegen, an Gewalt, Intoleranz und anderen schweren Vergehen gegen die Menschlichkeit? Ich will es ihnen oder euch nicht zumuten, festzustellen, daß auch ihr es seid, die Schuld hieran tragen.

Ich stelle nur fest, auch ich bin Schuld an diesen Kriegen, der herrschenden Gewalt, der Intoleranz, Schuld an den schweren Vergehen gegen die Menschlichkeit; gehöre ich doch zu der Gesellschaft, die solches zuläßt. Ich gehöre zu der Gesellschaft, die dieses nicht verhindert.

Daher spreche ich mich nicht frei! Nein: Ich klage mich selbst mit meinen Ausstellungen, Schriften, mit all meinem Handeln an. Ich bekenne mich, diese Schuld mitzutragen.

***

Berlin - am ersten Abend

Halbmond und bitter
Zwei Turnschuhe weit
Schon wieder entschwunden
Verbandelt
Vereint

Kann ich Dich lieben
Berlin

Wüsten aus Teer
Verschwollene Augen
Und Stirne
Verwandeln sich sandig
Zu Spott

Kein Gang fiel schwerer
Als bleiben
Kein Weg ist forter
Als weit

Kann ich Dich lieben
Berlin

Verbunden im Sande
Refugien geboren
Erstarrt die Ohnmacht des Mittags
Vor dem verdorbenen Schlaf

Breite Wege ohne Sonnenblumen verschworen sich
Zum Namen der Rose
Weg, wo bist du gegangen
Fort, wo bist du zurück

Und die heiße Liebe
Ist wie die eines fahlen Pferdes
Pflug für Pflug gezogen

Kann ich Dich lieben
Berlin

Menschen gleich Geldautomaten
Keine erwiderten Blicke -
Nur Gefräßigkeiten
Und die aufgestellten Stühle blieben leer
Wen sollte ich bitten
Zu setzen

Graue Monde gleichen verquatschter Liebeshüllen
Kein Gang zurück
Verschwundener Regen am Abend
Verbunden mit Meer
Unteilbar verloren
Geschunden
Verdorbene Seele und Geist

Muß verschwinden in Ruinen
Der Herzen

Kann ich Dich lieben
Berlin

Die Leichtigkeit gleicht
Dürren Bäumen im Teer
Und sie flogen doch fort
Mit schweren Füßen

Heimwärts
Ist wo

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Krieg, Krieg, Krieg

Söldner in Erwartung neuer Zeiten. Pässe tragen Visa der Hunde des Krieges. Eigene Armee läßt verkommen die Hochburg der Unabhängigkeit. Morsches Regime verkauft Bodenschätze, Putschoptionen aus westlicher Welt.

UNO stand Pate als Sicherheitsrat für Massaker an ethnischen Gruppen. Ausgedehntes Verhängnis verliert Rebellion. 5 Dollar für ein Leben.

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Es gibt solche Tage

Pendel schwingen zur Versuchsleiter. Geschlossene Augen hypnotisieren Testperson.

Sixt-Offensive im Internet.

Koch-Weser ist nicht geeignet.

Vielfalt wird Tiefe nicht gerecht. Die zwölfte Aufgabe ist gelegentlich leicht. Doch Kosten können Leben kosten. Die Weltsicht bleibt ungeschützt.

Zeichnungsfristen enden am 10. März.

In Moçambique ist Sintflut und Pinochet wird mit Marschmusik empfangen.

Balda splittet Aktien.

Internetsurfer downladen Hinrichtung in Dallas.

Die Kulturtage werden abgesagt und Coca-Cola expandiert weiter.

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Globalisierung

Die Globalisierung entwickelt sich hin zum knallharten puren Kapitalismus. Die soziale Marktwirtschaft liegt im Siechtum. Die New Economy hat der Welt das soziale Gesicht geraubt. Sie produziert dort, wo es am günstigsten ist und die meisten Gewinne abgeschöpft werden können. Weltweit.

Desweiteren hat eine neue Kolonialepoche begonnen. Nein, Bodenschätze sind heute nicht mehr so gefragt. Es geht um die Abschöpfung globaler Intelligenzen. Wie das?

Die reichen Nationen der westlichen Welt machen Einwanderungsgesetze, weil sie wirtschaftlich notwendig sind. Sie werben die intelligentesten Köpfe aus Schwellenländern oder Entwicklungsländern, also von den ärmsten der armen Länder, ab, um sie bei uns zu beschäftigen; nehmen hierdurch diesen Ländern die dort hoch ausgebildeten Menschen weg, um sie zu ihrem eigenen Firmenprofit arbeiten zu lassen, der in die reichen Länder abgeschöpft wird. Eine neue Art der Gewalt gegen die dritte Welt.

Wenn es denn so sein muß, daß Unternehmen im Rahmen der Globalisierung, der grenzenlosen Weltwirtschaft, dort produzieren, wo sich der meiste Profit erzielen läßt, dann muß man diese wirtschaftliche Globalisierung, die keine Ländergrenzen mehr kennt, auch auf alle Menschen übertragen.

Was heißt das? Entweder bleiben die Gewinne und die globalen Intelligenzen in den Ländern in denen sie entstehen bzw. ausgebildet wurden oder man läßt gleiche weltweite Globalisierung auch für alle Menschen zu. Dieses bedeutet, jeder Mensch kann dort leben, wo er will, wo es für ihm am profitabelsten ist.

Wer Wirtschaft ohne Grenzen will, Globalisierung will, die faktisch schon vorhanden ist, muß weiter denken. Er muß seinen diesbezüglichen Egoismus auch allen anderen lassen. Die Völkerwanderung hat längst begonnen. Sie ist hinzunehmen ohne "wenn und aber", oder aber, wir lassen den Profit dort, wo er entsteht und die Abschöpfung der globalen Intelligenzen sein.

Nur unter diesen Voraussetzungen kann der Globalisierung zugestimmt werden. Die westliche Welt, die Industrienationen, die Nationen der New Economy, letztendlich alle Staaten dieser Welt sind aufgefordert, den Asylparagraphen oder die Einwanderungsrichtlinien abzuschaffen gegen Erweiterung des Artikels, der die Freizügigkeit behandelt. Er muß wie folgt umformuliert werden:

"Alle Menschen dieser Welt genießen Freizügigkeit in der ganzen Welt."

Diese neue Ordnung ist möglich, wenn wir den Blick für alle Menschen, die in dieser gnadenlosen Ökonomie leben, nicht verlieren wollen. Es muß eine Solidargemeinschaft entstehen, global ausgerichtet, die das Ziel hat, Armut, Kriege, Terror, ökologische Katastrophen zu verhindern, bei einem gewaltig zu verstärkendem Kulturaustausch.

Es ist ein erstes, hohes Ziel hieran zu arbeiten. Nachdem die wirtschaftlichen Grenzen schon fielen, müssen nunmehr alle Ländergrenzen fallen, für einen Staat der Welt heißt. Es ist nichts anderes, als die Europäische Union, nur viel größer.

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Welke Zeiten

In ewiger Zeit gab die Treue mir Recht: Versprechen sind schlecht. Gab ich mein Wort: Man nahm es mir fort.

In welken Zeiten wird manches fahl.

Und die Qual ist das Anderssein. Allein. Fort kann ich nicht. Ich bin mein Gericht.

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Sommer

Im Winter bin ich nicht verrückt geworden
Ob das jetzt wohl im Sommer geht
Mühsame Käfer stehen aufrecht im Wind
Die Landschaft gleicht einem Seestück
Mit störender Motorsäge
Deren Lärm die Himmelssegel
In blaue und gelbe Gesichter teilt

Das Boot
Mit der standhaften Leiche des Schäfers
Wird nicht aufgebahrt
Es ist jene Sonnenglut
Die's hindert
Verwehte Asche
An bräunlichen Gebinden
Träge, grüne Blätter
Sehnen sich zum Herbst
Und flügellahme Vögel
Segeln schwer in flirrender Hitze
Tagerwachen des Wanderers
Der Kaninchen zählt wie Silberlinge
Zurückgedrängtes Moor wird seinen Teppich erneut auslegen
Wenn es Zeit ist
Quälende Kröten pfeifen auf den Sommer
Gehen heim

Ein bodenloser Eimer rollt im Wind
Warum etwas tun
Die Tür wird ehedem zugeschlagen von der Zeit
Gibt es sie
Oh, du schwarze Erde
Ziehst mich an
Die verwässerte Sonne weint still
Ihre Schneeflocken wissen Winterwarnungen zu deuten

Nur die verspielten Mäuschen hier am Wege
Machen sich keine Gedanken

Es ist Sommer

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Nehmen wir einmal an

Nehmen wir einmal an, eine Frau und ein Mann würden ausziehen aus dieser sogenannten Zivilisation und sich ein braches Grundstück nehmen und darauf ein Haus bauen. Nehmen wir weiter an, sie würden Ackerbau und Viehzucht betreiben, sich einen Teich anlegen, um Fische zu haben, Kinder zeugen, sich kleiden, mit dem, was für die jeweilige Jahreszeit angemessen ist, friedlich und glücklich leben und sich von den Früchten ihrer Arbeit ernähren. Sie würden ihre Kinder lehren, gleiches zu tun und sie unterweisen, verantwortungsvoll, bescheiden und glücklich zu leben.

Was würde passieren, denen, die glücklich sind, im Reinen mit sich und der Natur lebten?

Man würde einen Eigentümer finden, der ihnen das ungenutzte Brachland streitig machen würde, eine Ordnungsverfügung erlassen, die den Abriß des Hauses beinhalten würde, ist es doch ohne Genehmigung gebaut, ihnen das Gesundheitsamt auf den Hals schicken, weil sie sich nicht mit Seife waschen und keine Toiletten benutzen, ihnen die Kinder wegnehmen, weil sie diese nicht in Schulen schicken, die das Gegenteil ihrer Lebensphilosophie lehren, man würde ihr Vieh und ihre Früchte pfänden, damit der ihretwegen angefallene zivile Aufwand gedeckt werden könne.

Und wenn diese Menschen sich hiergegen verwahren würden, sich wehren würden, dagegen, daß man ihnen ihre Brachfläche nahm, daß man ihnen ihr Haus nahm, daß man ihnen ihr Vieh nahm, daß man ihnen ihre Früchte nahm, daß man ihnen ihre Kinder nahm?

Dann würden sie entmündigt werden und eingesperrt, weil sie sich der Zivilisation verweigerten. Glückliche Menschen sind in Zivilisationen gefährlich und hochverdächtig.

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Hölle

Flieh nicht vor der Hölle! Grenze sie ein! Deine Hölle ist das nicht gelebte Leben! Höllen sind die Ufer, die du zu erreichen suchst. Hölle - ist das Artistsein, der Welt zu gefallen. Freiheit ist das dralle Hotel des munteren Lebens.

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Baal

Heute morgen nahm ich den Besen und den Schrubber. Säuberte mein Haus. Wollte auf eine Reise gehen und nichts Unrätiges zurücklassen. Nur bei dem Gedanken, die Schere endlich in die Schublade legen zu wollen, fiel mir immer meine Hand ab. Ich konnte sie nicht greifen. Die Schere lag da und sah mich an.

"Ist diese Schere etwas Unrätiges in einem sauberen Haus?", dachte ich und ging fort. Mein Weg führte mich zur Ostsee. Ich wählte diesen Ort, weil er mich immer so verschmitzt ansah. Hier endlich wollte ich mein rechtes Bein opfern, um den Schmerz dessen Fußes, der mich so lange bedrückte, bald nicht mehr ertragen zu müssen.

Baal, der Fisch forderte mich zum Tanz auf. Noch konnte ich beidbeinig tanzen, denn mein rechtes Bein war bei mir.

"Wohlan! Also tanzen wir!", sprach ich zu Baal.

Baal führte mich über die Wellen zu einem Abgrund aus Wasser. Über diesem bodenlosen Meer vollführten wir den Tanz. Der Tanz mit Baal war so schwebend leicht. Mein rechter Fuß schmerzte. Und ich sah meinen Fuß. Er schälte sich aus dem Schuh und nahm eine schwarzbraune Farbe an. Übler, ekelerregender Geruch durchzog meine Nase. Doch Baal lächelte.

Ich faßte Baal und ertränkte ihn, den Fisch Baal, in der Ostsee. Die Augen des Baal traten hervor und er übergab sich vor seinem Tod und spie mir die Schere, die ich im sauberen Haus zurückließ, vor mein rechtes Bein.

Nun schnitt ich mir mein Bein, das rechte, ab und warf es, auf dem linken Bein tanzend, in den Abgrund des bodenlosen Meeres, in dem Baal ertrank.

Ohne jemals wieder Schmerzen in meinem rechten Fuß zu spüren, kehrte ich nun in mein sauberes Haus zurück. Dort, wo die Schere zurückblieb, fand ich nur noch ihre Asche.

Scherenasche ist aber nichts Unrätiges in einem sauberen Haus.

***

Sämtliche Texte © by Gerhard Pollheide

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