Einführung in die Ausstellung "NRW - weltoffen, tolerant, ideenreich, tatkräftig, GEGEN GEWALT" 1996 in Düsseldorf, Mannesmannufer

(Presseberichte: Klick hier!)

1996 war ich eingeladen, zur 50-Jahrfeier des Landes NRW in Düsseldorf eine Ausstellung im Festzelt zu obigem Thema zu installieren. Mit der Ausstellung wurde die Idee einer weltoffenen, toleranten, multikulturellen und gewaltfreien Gesellschaft dokumentiert. Sie sollte als Vision der Jetztzeit und der Zukunft sensibilisieren, aufrütteln aber auch irritieren. Kunst als meine Waffe gegen Dummheit, Gewalt, Intoleranz und Haß.

Dann schrieb mir Herr Kling im Auftrag des Ministerpräsident des Landes NRW, einen Brief folgenden Inhaltes: Als Koordinator des Festumzuges könnte ich mir vorstellen, daß es auch möglich wäre, Ihren interessanten Beitrag in den großen Festumzug am 01.09.1996 durch die Düsseldorfer Innenstadt aufzunehmen. Bitte lassen Sie mich telefonisch oder schriftlich wissen, ob Sie beim Festumzug mitmachen möchten.

Natürlich nahm ich an. War es doch immer mein Ziel, meine Botschaften möglichst vielen Menschen nahe zu bringen. Und NRW war entstanden nach und aufgrund des 2. Weltkrieges. NRW wurde auf vielen Tränen, auf Schmerz und Verzweiflung aufgebaut. Und es hatte sich entwickelt in seinen vergangenen 50 Jahren zu einem Bundesland, in dem viele Kulturen ihre Heimat fanden, die auch wesentlichen Anteil an diesem Aufbau hatten. Und das sei ein Grund zum Feiern. Mit meinem Schreiben vom 18.04.1996 gegründete ich meinen Vorschlag für den Umzugswagen wie folgt:

Aber darüber hinaus darf der Entstehungsgrund, eben der zweite Weltkrieg, nicht vergessen werden, insbesondere auch nicht die Verfolgung und Ermordung von Menschen, nur weil sie anders waren. Und wir dürfen auch nicht vergessen, daß es leider noch immer Gewaltbereitschaft gegen das ANDERE, das FREMDE, gibt.

Wir haben Flüchtlinge, z.B. aus dem ehemaligen Jugoslawien, bei uns aufgenommen. Sie sind unsere Gäste. Und wir haben damals auch Gastarbeiter aus Jugoslawien aufgenommen. Viele davon oder deren Kinder sind heute Deutsche. Sie haben unser Land mit aufgebaut. Deutsche Soldaten sind im ehemaligen Jugoslawien, helfen dort mit beim Wiederaufbau. Der dort stattgefundene Krieg beinhaltete Völkermord, wie damals vor über 50 Jahren auch bei uns.

Wir Nordrhein-Westfalen wollen feiern, aber wir wollen auch nachdenken, uns erinnern und vorausschauen. Und wir wollen Frieden, bei uns und in allen anderen Ländern. In der Hektik der heutigen Zeit vergessen auch wir die von den Medien vergessenen Kriege. Aber wir alle müssen uns immer wieder erinnern.Und wir, alle Menschen, müssen solange Frieden reden, bis durch die Macht der Worte Frieden herrscht - überall. Frieden ist die einzig mögliche Alternative, Gewalt nie eine Lösung. Den vorstehend notwendigen Gedanken ist meine Installation auf dem Motivwagen gewidmet.

Als Installation auf dem Umzugswagen plante ich 18 Stahlhelme umzukehren, auf Ständer zu schweißen, mit weißer Farbe zu lackieren, zu bepflanzen mit Blumen, um diese als Blumenkübel einen ordentlichen, neuen, besseren Dienst tun zu lassen. Die Erläuterungen waren noch umfangreicher und mit Skizzen belegt. Die Bestätigung zu meinem Vorschlag erfolgte am 19.04.1996.

Doch danach ging das Theater los; NRW zeigt sein wahres Gesicht. Am 12.06.1996 wurde ich vom Umzug telefonisch wieder ausgeladen, weil meine vorgeschlagene Installation 1. die Besucher irritieren würde, 2. Aufmerksamkeit erregen würde, 3. die fröhliche Stimmung stören würde und 4. nicht zu einem Freudenzug, bei dem viele bunte Fahnen geschwenkt würden, passe. Aber im Festzelt dürfe ich bleiben!

Ich schrieb einen offenen Brief an Herrn Rau, dem damaligen Ministerpräsidenten in NRW und ehemaligen Bundespräsidenten und teilte ihm meine vorstehenden Überlegungen mit. Ich schrieb ihm empört über die Ausladung weiter:

Und genau hier hört die von Ihnen angekündigte Weltoffenheit und Toleranz auf. Dann hörte ich Ihre (Anm.: Johannes Rau) Worte bei einem Interview zusammen mit Ihrer Frau im Fernsehen, sicherlich aus dem Zusammenhang gerissen: "Wir wollen Brücken bauen, Brückenköpfe haben wir genug gebaut!" Schöne Worte, leider nur gesprochen, nicht gelebt.

Lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich meinen Stand mit der Kunstausstellung im Ostwestfalenzelt gegen Krieg, Intoleranz und Gewalt nicht auch absage. Ob ich bei solcher Intoleranz überhaupt dazugehören will. Ich habe mich entschieden, die Möglichkeit zu nutzen, meine Ausstellung gegen Gewalt, Ausländerfeindlichkeit, Krieg und Intoleranz der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es ist mir zu wichtig, dagegen zu protestieren,

daß NRW leider auch ein Land ist, in dem der Ruf: "Türken raus!", Alltäglichkeit ist;

daß NRW leider auch ein Land ist, in dem ein Arbeitsloser als Mensch nichts mehr gilt;

daß NRW leider auch ein Land ist, in dem Menschen für Geld ihre Würde verkaufen müssen;

daß NRW leider auch ein Land ist, in dem wieder jüdische Gräber beschmiert werden;

daß NRW leider auch ein Land ist, in dem an Stammtischen wieder Faseleien von der Auschwitzlüge die Runde machen;

daß NRW leider auch ein Land ist, in dem Menschen einsam sterben, weil man ihre Existenz vergessen hat;

daß NRW leider auch ein Land ist, in dem im Winter Obdachlose erfrieren;

daß NRW leider auch ein Land ist, in dem der beschissene Asylkompromiß gnadenlos angewandt wird;

daß NRW leider auch ein Land ist, in dem Ausländerwohnheime angezündet werden;

daß NRW leider auch ein Land ist, dessen Politiker es auch nicht geschafft haben, den Völkermord in Jugoslawien und jetzt in Grosny zu verhindern;

daß NRW leider auch ein Land ist, in dem es täglich Gewalt gegen Kinder, gegen Frauen, gegen das Andere und das Fremde gibt.

Sehr geehrter Herr Rau, auch das ist NRW. Ihr Presse- und Informationsamt fürchtete, meine Antikriegs-, Antigewaltinstallation könnte stören, irritieren! Diese Furcht war begründet: Die Installation sollte stören und irritieren! Denn Mahnungen gegen Kriege sind erst dann nicht mehr erforderlich, wenn alle Soldaten dieser Welt "Nein" sagen. Erst wenn alle Soldaten dieser Welt sich über dem Schützengraben die Hand reichen, dann bedarf es keiner Mahnung mehr.

Oder dann, wenn Ihre schönen Worte wahr werden: "Wir wollen Brücken bauen, Brückenköpfe haben wir genug gebaut!"

Und, Herr Rau, es gibt in NRW auch Menschen, die wissen, daß es in NRW nicht nur Freude gibt, die auf dem Umzug zur Schau gestellt wird.

Es gibt Menschen, die wehren sich gegen "Nurfreude", gegen Friede, Freude, Eierkuchen". Sie lassen den Stein im Pflaster oder in der geballten Faust, werfen ihn aber nicht. Ihre Waffen sind das Wort oder der Malerpinsel. Ich zähle mich zu diesen Menschen.

Und da Sie mich mit dem Teilnahmeverbot am Umzug praktisch mit Berufsverbot belegten, ist NRW leider auch ein Land, in dem Künstler von Staats wegen daran gehindert werden, die im Grundgesetz garantierte Meinungsfreiheit in Wort und Bild und auch die Freiheit der Kunst auszuüben.

Ich male meine Bilder nicht, erarbeite meine Skulpturen nicht, schreibe meine Gedichte nicht, mache meine Kunst nicht, um irgendwelche grazilen Effekte zu erzielen!

Es ist mir auch völlig gleichgültig, ob ich verkaufe - oder nicht, ob meine Kunst gefällt - oder nicht. Meine Kunst ist "rock - hartrock". Sie kritisiert diese Gesellschaft, ist möglicherweise schwer zu ertragen. Aber wenn sie nur einen Menschen in meinem ganzen Leben erreicht, dann hat sie sich gelohnt.

Sie wollen den 50. Geburtstag NRW´s feiern. Sie wollen nur Freude und Ausgelassenheit. Für Kritik ist bei Ihrem Festumzug kein Platz. Sie, Herr Rau, propagieren: Wir in NRW sind:

weltoffen, tolerant, ideenreich, tatkräftig, Neuem aufgeschlossen

und handeln

weltfremd, intolerant, ideenarm, tatschwach und Neuem verschlossen.

Wir alle brauchen nicht nur Schulterklopfen und Seichtigkeiten. Wir feiern doch gemeinsam, darum wollen wir auch an die vielen Menschen denken, denen Gewalt geschieht, die sich alleingelassen fühlen.

All das vorstehende hat mich bewogen, meine Kunstausstellung auch ohne die Umzugsteilnahme zu präsentieren. Sie findet statt im Ostwestfalenzelt der NRW-Straße. Und Sie hat trotz ALLEM das Thema: "NRW - weltoffen, tolerant, ideenreich, tatkräftig, Neuem aufgeschlossen, gegen Gewalt!"

Sie sind herzlich eingeladen!

***

Herr Rau hat weder geantwortet, noch das Zelt besucht und meine Ausstellung schon gar nicht. Es ist eben ein Unterschied, etwas zu sagen und etwas zu tun. Herr Rau, der damalige Ministerpräsident und der heutige Bundespräsident, machte es vor.

Zur Ausstellung legte ich einen selbstgefertigten Katalog, auch mit lyrischen Texten versehen, einfachster Art, auf, der in 200facher Ausfertigung erschien. 10 Exemplare sind noch vorhanden. In meine Kunstausstellung kamen über 100.000 Besucher. Warum war für mich diese Ausstellung wichtig? Auch ich bin schuld an Krieg, Gewalt und Intoleranz, gehöre ich doch zu der Gesellschaft, die solches zuläßt. Ich gehöre zu der Gesellschaft, die solches nicht verhinderte. Daher spreche ich mich nicht frei - nein: Ich klage mich auch selbst mit dieser Ausstellung an.

Folgende Werke fanden in meiner obigen Ausstellung und Rauminstallation Platz:

Themen: Gewalt, Folter, Krieg, die verlorenen Kinder dieser Welt!

Teile der Objektgestaltung (Installation des Altars mit rotem Teppich)

a) "Altar", verkohltes Holz, Steine, Staub, Holzsplitter, Puppe
b) Materialmontage und weiße Farbe auf Holzbohlen, 81 cm x 80 cm, ohne Titel, 22.05.1994
c) Materialmontage und weiße Farbe auf Holzbohlen, 80 cm * 80 cm, ohne Titel, 21.05.1994.

Thema: Verarbeitung meiner unbeschreiblichen Trauer und Wut und meines Hasses betreffend den Völkermord in Jugoslawien. DasAntikriegsbild steht nicht nur für bzw. gegen den ehemaligen Krieg in Sarajevo, sondern für bzw. gegen alle Kriege dieser Welt.

a) Bild "Sarajevo" (Sarajevo, Grosny und andere Städte), Mischtechnik und Materialmontage auf Leinwand, 2,37 m x 1,54 m, 08/92

Thema: Asyl. Ich bin ein entschiedener Gegner des beschissenen Asylkompromisses und der damit verbundenen Änderung des Grundgesetzes. Hier hat der Staat versagt, sich den Stammtischen gebeugt. Und er hat dem Mob Recht gegeben.

a) Bild "Asyl" - Mischtechnik, Collage auf Leinwand, endgültige Fertigstellung 1994, 78 cm * 108 cm.

Thema: Verlorene Kinder

a) Bild / Materialmontage "Kinderland, abgebrannt, Winterland", Gips, Metallsplitter, Sackleinen, Pappe, Federn, Wedel, Katzenstreu, zwei Dauerlutscher sowie diverse Farben und Lacke auf Sperrholz, 60 cm * 90 cm, Beginn 1992, endgültige Fertigstellung 08.96.
b) Brennholzskulptur: "Kinderland ist abgebrannt!" aus 7.96

c) Brennholzskulptur "BMI-Standard" aus 1996.

Thema: Krieg in Tschetschenien

a) Antikriegsbild "Schlachtfeld im Winter".Diverse Farben, Blut, Leim, Zeitungsausschnitte, zerfetzte Stoffe, Holzring, Erde, Blätter, Grassamen und weißer Lack auf Leinwand, 100 cm * 70 cm, Fertigstellung 08.96.

 

Thema: Gefolterte, tote Soldaten kennen keine Siege!

a) Materialmontage "Mit weißer Unschuld ungenügend bedeckter Victory-Müll(Gefolterte, tote Soldaten kennen keine Siege!)!" Zwei hölzerne Victory-Keile, Ketten, Nägel, Teile eines zerborstenen Baumstammes, Asche, glühende Zigarettenkippen, Pappe und Binderfarben zwischen Holzlatten, 48 cm * 53,5 cm, Beginn 1995, Fertigstellung 1996.

Thema: Bürgerkrieg, Hunger, Gewalt, Asyl, Verzweiflung.

a) Materialmontage "boat-people-boat - gegen den Himmel". (Treib-)Holzreste, Seil, Baumrinde, Draht, Nägel, Messingsegel, Metallstück, weiße Binderfarbe und weißer Lack, 37,3 cm * 54,6 cm, Beginn 1995, Fertigstellung 1996 (> Gedicht > Katalog / Buch > "Tagesbeginn eines Buches").

b) Brennholzskulptur "boat-people" aus 1996.
c) Brennholzskulptur "Crete" aus 1996.
d) Brennholzskulptur "Fremde, kommt heim!" aus 12.1992.

Thema: Werte, Gesellschaft, Toleranz.

a) Brennholzskulptur "Waffe" aus 1996.

b) Brennholzskulptur "Trutzer" aus 7.1994.
c) Brennholzskulptur "Werte" aus 5.1994.
c) Brennholzskulptur "Werte II" aus 1.1996.
d) Brennholzskulptur "Auf Holzschiffchen reitende Drahtente rammt treibholzführende Zungenkelle, trotz Dichtungsring!" aus 11.1992.


Zurück zur Ausstellungsliste, bitte Bild anklicken!

Gerhard Pollheide
Künstler, Schriftsteller
Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller
Julius-Brecht-Straße 88, 32312 Lübbecke
Telefon 05741/2723860
E-Mail:gerhard.pollheide@art-opus.de

Zurück zur Startseite, bitte art-opus Logo anklicken.